Modemarkt unter Druck: „Der Stellenwert von Bekleidung hat verloren“
Beim zehnten Zahlengipfel der TextilWirtschaft diskutierten Experten über die aktuelle Lage. Peter Frank, Executive Consultant bei der BBE Handelsberatung sieht grundlegende Veränderungen im Konsumverhalten.
Die Bilanz des ersten Halbjahres fällt ernüchternd aus. Stationäre Panels wie der TW-Testclub weisen bis Ende Mai Umsatzrückgänge im mittleren einstelligen Prozentbereich aus. Ob Zuwächse im Online-Handel diese Entwicklung ausgleichen können, ist fraglich. Die Konsumstimmung bleibt verhalten. Gleichzeitig drängen neue Wettbewerber in den Markt.
Nach Angaben des Bundesverbands E-Commerce und Versandhandel entfallen mittlerweile 15 Prozent der Online-Transaktionen im Textilbereich auf Shein und Temu. Ein erheblicher Teil des Online-Wachstums kommt damit im klassischen Modehandel nicht mehr an.
Für Peter Frank ist die aktuelle Kaufzurückhaltung Ausdruck einer tiefergehenden Entwicklung. „Der Stellenwert von Bekleidung hat verloren“, sagt der Executive Consultant der BBE Handelsberatung, der vor allem mittelständische Multilabel-Händler berät. Ein Grund dafür sei die fehlende modische Orientierung. „Anything goes“, beschreibt Frank die Situation.
Weil heute nahezu alles getragen werden könne, fehlten klare modische Strömungen und damit wichtige Anreize für Neuanschaffungen. Seine Diagnose fällt entsprechend deutlich aus: „Es gibt keine Trends mehr.“
Das hat Folgen für die Kaufbereitschaft. Nach Franks Einschätzung fehlt vielen Verbrauchern schlicht die Lust, neue Mode zu kaufen. Hinzu kommt die allgemeine Unsicherheit über die wirtschaftliche und politische Entwicklung. Viele Menschen wüssten nicht, „was morgen passiert“, und hielten sich deshalb mit Ausgaben zurück.
Auch die Daten anderer Teilnehmer stützen diese Einschätzung: Ole Schartl, Partner bei Hachmeister + Partner, beobachtet insbesondere bei den über 50-Jährigen eine deutliche Kaufzurückhaltung. Diese ziehe sich durch sämtliche Sortimente:
„Es gibt keine wirklichen Gewinner.“ Frank sieht derzeit vor allem inländische Discounter auf Wachstumskurs. Hinzu kommen laut Hansjürgen Heinick vom IFH Köln Secondhand-Anbieter. Ansonsten prägen Stagnation und Austauschbarkeit den Markt.
Es gebe es sehr viel Durchschnitt im Markt, so Sönke Padberg, BTE-Geschäftsführer. Der Wert von Bekleidung nehme weiter ab, verstärkt durch permanente Preisreduzierungen. Viele Verbraucher kauften ohnehin nur noch nach Bedarf.
Wenn die Inflation für die Mode weniger übrig lässt, immer mehr günstige Alternativen bei Discountern und Billigplattformen verfügbar sind, klare Trends fehlen und die Unsicherheit wächst, reichen neue Kollektionen allein nicht mehr aus, um Kaufimpulse zu erzeugen.